Nr. 05 · September
Warum ich Escort Dates privaten Dates vorziehe
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Die ehrlichste Antwort ist die unromantischste: Ich habe keine Zeit.
Ich studiere. Ich arbeite. Und dann kommt das hier. Wer mich fragt, wann ich denn eigentlich date, stellt eine Frage, die für mein Leben nicht vorgesehen ist. Drei Wochen lang zwischen zwei Terminen Nachrichten schreiben, um herauszufinden, ob sich ein Abend überhaupt lohnt — das ist ein Hobby für Menschen mit Zeitguthaben. Ich habe keins.
Aber das ist nur der Anfang der Antwort, und der langweiligere Teil.
Wen man privat nie trifft
Die Männer, die ich bei einer Buchung treffe, hätte ich privat nie kennengelernt. Nicht, weil sie unerreichbar wären. Sondern weil wir uns schlicht nie begegnet wären.
Sie sind nicht auf den Plattformen. Und selbst wenn sie es wären — jemand, der drei Firmen führt oder operiert oder um vier Uhr morgens in der Küche steht, weil sein Haus um sechs aufmacht, ist nicht der Mensch, der abends Profile durchwischt. Genau die Eigenschaft, die ihn interessant macht, ist die Eigenschaft, die ihn aus dem privaten Dating heraushält.
Und dasselbe gilt für mich. Wir haben beide keine Zeit. Der Unterschied ist, dass wir beide eine Ausnahme gemacht und sie in einen Kalender geschrieben haben.
Ich habe an Tischen gesessen mit Menschen, die ich in keinem anderen Leben getroffen hätte. Ich habe gelernt, wie ein Geschäft von innen aussieht, von dem ich vorher nur den Namen kannte. Ich habe zugehört, wenn jemand eine Entscheidung erklärt hat, die Hunderte Menschen betrifft, und hinterher zwei Tage darüber nachgedacht.
Das steht in keinem Angebot und in keinem Honorar. Es ist trotzdem der Teil, den ich nicht mehr hergeben möchte.
Gespräche, bei denen ich mitkommen muss
Es gibt eine Art von Unterhaltung, die angenehm ist und in der nichts passiert — nett, gleichmäßig, hinterher erinnert man nichts. Und es gibt die andere, nach der man auf dem Heimweg noch weiterdenkt.
Dass ich die zweite Sorte so oft erwische, hat einen unromantischen Grund: Wer drei Stunden seiner Zeit für einen Abend einplant, kommt nicht, um über das Wetter zu reden.
Ich lese seither anders. Ich interessiere mich für Dinge, von denen ich vorher nicht wusste, dass es sie gibt. Nicht, um mitreden zu können — das merkt ohnehin jeder sofort. Sondern weil ich es unterhaltsam finde, an einem Tisch die Uninformierteste zu sein und rauszugehen und es nicht mehr zu sein.
Der einzige interessante Mann im Hörsaal
Und jetzt der Teil, für den ich privat regelmäßig schief angesehen werde: Ich möchte einen Mann treffen, zu dem ich aufschauen kann.
Nicht wegen Geld. Wegen etwas, das er kann und ich nicht. Jemand, der in seinem Fach richtig gut ist und es nicht erklären muss, weil man es nach zwei Sätzen merkt. Kompetenz ist für mich kein Nebeneffekt. Sie ist der Punkt.
Ich sitze mehrmals die Woche in Vorlesungen. Wenn ich mich dort umsehe und ganz ehrlich bin: Der einzige Mann im Raum, den ich beeindruckend finde, interessant, und — ich sage es, wie es ist — auch anziehend, steht vorne und hält den Vortrag.
Das ist ein Witz. Ungefähr zur Hälfte.
Vielleicht sagt es auch einfach etwas über mich. Dass mich Können anzieht, und zwar nicht ein bisschen. Oder ich bin schlicht zu versaut. Beides möglich, und ich habe aufgehört, das gegeneinander abzuwägen.
Aber ich glaube, es liegt gar nicht so sehr an mir. Es liegt an der Mathematik. Menschen, die in ihrem Fach ganz vorn sind, sind meistens gerade damit beschäftigt, dorthin zu kommen oder dort zu bleiben. Die suchen nicht. Die haben die Abende nicht, die man fürs Suchen braucht.
Ein gebuchter Abend ist der einzige Rahmen, in dem sich zwei Menschen mit vollen Kalendern verlässlich gegenübersitzen. Man kann das kalt finden. Ich finde es praktisch.
Wie man behandelt wird
Über einen Teil davon spricht niemand, weil er zu altmodisch klingt: Diese Männer haben Manieren.
Sie stehen auf, wenn ich an den Tisch komme. Sie fragen, was ich möchte, statt für mich zu bestellen. Das Telefon liegt den ganzen Abend mit dem Display nach unten, und es wird nicht umgedreht. Sie bringen mich hinaus, auch wenn es regnet, auch wenn es umständlich ist. Nichts davon ist spektakulär. Zusammen ergibt es einen Abend, an dem ich mich außergewöhnlich gut fühle.
Und dann ist mir etwas aufgefallen, das ich zuerst nicht glauben wollte.
Im privaten Dating ist Galanterie oft Strategie. Man hält die Tür auf, weil man etwas erreichen will. Sobald das Ziel erreicht ist, hört es auf — jede Frau kennt den Moment, in dem ein Mann aufhört, sich Mühe zu geben.
Bei einem gebuchten Abend gibt es diesen Moment nicht. Ich bin bereits da. Es ist alles besprochen. Wer mir dann noch den Mantel hält, tut das nicht, um etwas zu bekommen. Er tut es, weil er so ist.
Ich habe lange gebraucht, um diesen Gedanken zu Ende zu denken, und er gefällt mir immer noch nicht ganz. Aber ich halte ihn für wahr:
Ausgerechnet der Rahmen, den alle für unromantisch halten, ist der einzige, in dem ich sehen kann, wie ein Mann sich benimmt, wenn er nichts davon hat.
Und ja, auch das
Ich will an einer Stelle ehrlich sein, an der die meisten aufhören.
Intelligenz und Manieren sind bei mir keine netten Zusatzeigenschaften. Sie sind der Auslöser. Ein Mann, der klug ist und weiß, wie man sich benimmt, wirkt auf mich unmittelbar — und zwar nicht theoretisch.
Das hat eine Folge, über die niemand spricht, weil alle annehmen, sie sei ausgeschlossen: Ein Abend, der so beginnt, ist ein anderer Abend. Nicht, weil irgendetwas verabredet wäre, was nicht verabredet ist. Sondern weil Anziehung sich nicht abschalten lässt, nur weil sie in einem Kalender steht.
Und dann kommt etwas dazu, das ich lange nicht zugeben wollte: Ich gebe mir Mühe. Nicht, weil es erwartet wird. Sondern weil ich möchte, dass er sich erinnert. Dass er in zwei Wochen an diesen Abend denkt und nicht an irgendeinen.
Das ist Eitelkeit. Ich nenne es trotzdem beim Namen.
Ein fairer Deal
Was ich am meisten mag, ist das Unaufgeregte daran.
Alles ist vorher besprochen. Wie lange, wofür, in welchem Rahmen. Niemand behauptet etwas, um besser dazustehen. Niemand deutet etwas an, was er nicht halten will. Es gibt keine Nachricht drei Tage später, die man dreimal lesen muss, um zu verstehen, was sie bedeutet. Es gibt keine falschen Erwartungen, weil die richtigen ausgesprochen wurden.
Im privaten Dating ist beinahe alles Verhandlung — nur dass niemand zugibt, dass verhandelt wird. Wer meldet sich zuerst. Wer legt sich fest. Wer zeigt mehr Interesse und verliert damit angeblich etwas. Ich habe das nie gut gekonnt und irgendwann aufgehört, es gut können zu wollen.
Eine Buchung ist das Gegenteil. Zwei Erwachsene, die sagen, was sie wollen, und sich daran halten. Das klingt nüchtern und ist in Wahrheit das Entspannteste, was ich kenne.
Was das kostet
Ich will nicht so tun, als hätte das keinen Preis.
Der Rahmen, der alles leicht macht, ist derselbe Rahmen, der alles begrenzt. Ein Abend endet zu einer Uhrzeit, die vorher feststand. Die Menschen, die ich am interessantesten finde, bleiben interessant — und sie bleiben auch genau da, wo sie sind. Kein Hineinwachsen, kein gemeinsames nächstes Jahr, keine Geschichte, die länger wird.
Manchmal fahre ich nach Hause und denke: Wow, was für ein Traummann. Den hätte ich gern besser gekannt. Das ist kein Kummer, dafür ist es zu klar. Es ist eher, wie ein Buch zuzuklappen, das gut war und das man nicht behalten darf.
Ich nehme das in Kauf. Nicht, weil ich müsste, sondern weil ich weiß, wogegen ich es tausche: gegen Abende, die nicht stattfinden, mit Männern, die ich nicht bewundere, in Gesprächen, die ich hinterher vergesse.
So gestellt ist es keine schwere Entscheidung.
Alle Einträge beruhen auf tatsächlich Erlebtem. Namen, Orte und Zeitpunkte sind verändert oder weggelassen, Abende sind verdichtet — das Erlebte selbst ist echt.
