Nr. 04 · September
Als ich mich in einen Kunden verliebte
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Ich habe einmal die Regel gebrochen, die ich mir selbst gegeben hatte. Nicht die über Hotels, nicht die über Fotos, nicht die über Uhrzeiten — die eine, an der alles hängt: Ich nannte meinen echten Namen. Es ist Jahre her, und ich erzähle es nur deshalb, weil so viel Zeit vergangen ist, dass niemand mehr etwas darin wiedererkennen kann. Es war ein Fehler. Ich schreibe das gleich an den Anfang, damit dieser Text nicht anfängt, sich zu rechtfertigen.
Angefangen hat es als Job wie jeder andere. Ich muss das so klar sagen, weil es sonst niemand versteht, was später passierte: Er war mir in diesem Moment vollkommen egal. Ein Termin, gut gemacht, und ich war sicher, dass ich diesen Mann nie wiedersehen würde. Er war optisch überhaupt nicht mein Fall, eine Generation älter als ich, weit entfernt von allem, was ich vorher gewählt hatte — und trotzdem: Der Sex war unglaublich gut, da war eine Chemie, für die es keine Erklärung gab. Ich habe mich darüber mehr gewundert, als ich zugeben mag. Wie kann etwas funktionieren, das auf keinem Blatt Papier funktionieren dürfte? Danach wollte ich trotzdem nur nach Hause. Genau so, wie es sein soll. Ein Abend, den ich gut gemacht hatte, und nichts, was ich mitnehmen wollte.
Und dann sagte ich ihm meinen Namen. Nicht den, unter dem er mich gebucht hatte. Ich weiß bis heute nicht, warum. Vielleicht, weil das Date verlängert wurde, aus zwei Stunden wurden sechs, und diese sechs Stunden verflogen, als wären es dreißig Minuten gewesen. Wir haben so viel geredet, dass irgendwann niemand mehr wie eine Begleitung redete, sondern nur noch ein Mensch, der neben einem anderen sitzt. Er erzählte, dass er nie geheiratet hatte, dass es aber eine Frau in seinem Leben gab — eine, die genauso jung war wie ich. Das war der eigentliche Anfang. Nicht der Sex, nicht die Chemie, sondern die Frage, die mich ab diesem Abend nicht mehr losließ: Wie kann ein Mann in seinem Alter nie geheiratet haben, eine Freundin haben, die halb so alt ist wie er, und dieses eine Gefühl dabei nicht empfinden? Ich dachte über diese Frage nach, lange nachdem ich längst zu Hause war. Sie machte mich neugierig auf eine Weise, die ich mir hätte verbieten sollen.
Ein Name ist keine Kleinigkeit. Ein Name ist die Tür, die man danach nicht mehr zubekommt.
Einen Monat später schrieb er mir. Nicht über die Agentur — er hatte mich in den sozialen Netzwerken gefunden, mit nichts als einem Vornamen, und dann fand er mich überall. Mein erster Gedanke war: Was für ein Stalker. Mein zweiter, und der ist der ehrlichere: Ich war geschmeichelt. Ich antwortete kurz. Ich schrieb, dass es ein schöner Abend gewesen sei, und entzog mich wieder. Für weitere Treffen über die Agentur, das schrieb ich dazu, wäre ich jederzeit zu haben. Ich glaubte in diesem Moment wirklich, dass dieser Satz eine Grenze sei.
Wie aus einem Termin eine Gewohnheit wurde
Wir trafen uns regelmäßiger. Immer korrekt, immer über die Agentur, und immer mit diesem Nachhauseweg, auf dem ich merkte, dass ich gut gelaunt war. Ich konnte mit ihm über Gott und die Welt reden — und über meine Arbeit, das ist der Teil, der in solchen Geschichten fast nie vorkommt. Er wusste, was ich neben diesem Beruf tue, kannte meine Pläne, und wir fingen an, gemeinsam daran zu denken. Wir entwickelten Ideen zusammen, verwarfen sie, bauten sie wieder auf. Beruflich passten wir zusammen, und das spürten wir beide — es war eine Ebene, die mit dem Ersten nichts zu tun hatte und die mich am Ende fester band als jede Chemie. Irgendwann wollte er meine Nummer, und ich gab sie ihm, und ab da war der Kontakt täglich. Wir telefonierten. Wir schrieben. Ich konnte mit ihm denken — laut, ungeordnet, ohne mich zu erklären. Und immer noch wunderte ich mich: Er war nicht mein Typ, zu alt, alles daran war unlogisch — und es funktionierte trotzdem, ohne dass ich sagen konnte, warum. Obwohl ich mir nie etwas mit ihm vorstellen konnte und wollte, gewöhnte ich mich an ihn.
Ich merkte, wie er sich verliebte. Und diese Verliebtheit tat mir gut. Das ist der Satz, für den ich mich am meisten schäme, und gleichzeitig der einzige, der die ganze Geschichte erklärt: Ich fühlte mich nicht mehr so allein mit meinem Doppelleben. Er wusste alles von mir. Es gab in meinem Leben genau einen Menschen, vor dem ich nichts sortieren musste, und ausgerechnet dieser Mensch war ein Kunde.
Ich fühlte mich nicht mehr so allein mit meinem Doppelleben. Das war der Anfang vom Ende.
Der Streit
Irgendwann wollte er mich unentgeltlich treffen. Ich wollte nicht, und wir stritten. Nicht wegen des Geldes — wegen der Unverfrorenheit, dass ein vergebener Mann so etwas von mir erwartet. Denn vergeben war er, das war mir klar. Eine Affäre wollte ich ganz sicher nicht sein. Und dass er sich für mich trennt? Auf keinen Fall. Ich halte nichts von Männern, die ihre Frau für die nächste verlassen. Escort buchen: ja, dafür bin ich, auch für offene Beziehungen, für jede Absprache, die zwei Menschen ehrlich miteinander treffen. Aber eine Affäre anfangen, während man vergeben ist, finde ich schwach. Dann trennt man sich vorher und nicht erst, wenn man einen Ersatz gefunden hat. Also verloren wir den Kontakt.
Ich habe in diesen Wochen gemerkt, wie sehr er schon Teil meines Tages war. Nicht an großen Momenten — an den kleinen: dass ich abends aufs Display sah, ohne dass etwas geklingelt hatte. Dass ich einen freien Abend nicht mehr vergab, ohne kurz zu überlegen. Ich hätte es damals nicht so genannt. Ich nannte es Ärger.
Die Rückkehr
Dann meldete er sich wieder. Er sei inzwischen Single. Das verwunderte mich, weil ich fest davon ausgegangen war, dass er sich erst trennen würde, wenn er sich mit einer Neuen in Sicherheit gebracht hätte. Ich hatte mich getäuscht, gottseidank, dachte ich, und ich hatte plötzlich wieder Respekt vor ihm. Ich fand das stark. Und wenn ich ehrlich bin: Er hatte mir gefehlt. Er erzählte mir, dass er noch nie einer Frau einen Antrag gemacht hatte und sich noch nie bereit für die Ehe gefühlt hätte. Er sagte es mit einem Blick und einer Stimme, als würde er hinzufügen: bis ich dich traf. So wirkte er — verrückt nach mir, das spürte ich wirklich, Monate lang. Ich wollte es glauben.
Wir einigten uns auf etwas dazwischen — eine finanzielle Beteiligung pro Treffen, nicht mehr die volle Summe, weil ich inzwischen selbst mit ihm sein wollte. Ich weiß, wie das klingt. Es ist der Punkt, an dem in solchen Geschichten die Vernunft aussteigt, und in meiner ist sie genau dort ausgestiegen. Ich ließ mich fallen. Weiter und weiter, bis ich es mir eingestehen musste: Ich hatte mich verliebt. In den Mann, den ich eigentlich nie gewollt hatte.
Es war schön. Ich will das nicht kleinreden, nur weil ich weiß, wie es ausgeht. Es waren Monate, in denen ich zum ersten Mal nicht zwei Leben führte, sondern eines. Beides steht nebeneinander: Es war falsch, und es war das Leichteste, was ich seit Jahren gefühlt hatte.
Wie die Luftblase zerplatzte
Es kam heraus, dass er seine Ex nie verlassen hatte. Sie war mehr als eine Freundin — sie war seine Verlobte. Nichts davon war wahr gewesen — nicht die Trennung, nicht das Alleinsein, nicht der Respekt, den ich ihm zurückgegeben hatte, nicht das Gefühl, das ich in seinem Blick gelesen hatte. Meine Luftblase zerplatzte, und darunter lag genau das, was ich nie hatte sein wollen. Ich hatte mich absolut getäuscht. Ich hätte auf meinen Kopf hören sollen, der es von Anfang an gewusst hatte, und ich hatte auf alles andere gehört. Am Ende bleiben nur zwei Fragen, und ich weiß auf keine von beiden die Antwort: Was war das alles für ihn? Und was war ich für ihn?
Es war wohl kein Happy End wie in meinem Lieblingsfilm. Ich war am Ende genau das, was ich nie sein wollte.
Was geblieben ist, ist kein Satz, den ich vor mir hertrage. Kein Seitdem weiß ich, keine Lehre für andere. Geblieben ist, dass ich meinen Namen für mich behalte — nicht aus Angst, sondern weil ich inzwischen verstanden habe, dass er das Einzige ist, was in diesem Beruf wirklich mir gehört. Und geblieben ist die Erinnerung an Monate, in denen ich mich nicht allein gefühlt habe. Ich weiß bis heute nicht, ob ich sie zurückgeben würde.
Alle Einträge beruhen auf tatsächlich Erlebtem. Namen, Orte und Zeitpunkte sind verändert oder weggelassen, Abende sind verdichtet — das Erlebte selbst ist echt.
