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Nr. 01 · Juli

Tagebuch einer Escort: Warum ich schreibe

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Ich führe zwei Leben, und in keinem von beiden darf ich vom anderen erzählen.

Das ist keine Klage. Ich habe mich dafür entschieden, und ich würde es wieder tun. Aber es hat eine Folge, über die selten jemand spricht: Es gibt keinen einzigen Menschen, vor dem beides gleichzeitig gilt. In dem einen Leben fehlen die Abende. In dem anderen fehlt alles, was mich sonst ausmacht. Ich sortiere ständig, und ich bin darin so geübt geworden, dass ich es meistens nicht mehr merke.

Dieses Tagebuch ist der erste Ort, an dem ich nichts sortieren muss. Das ist der eigentliche Grund, warum es das hier gibt.

Was man sich vorstellt

Was man sich von außen vorstellt, kenne ich zur Genüge. Das eine Bild ist das vom schnellen, traurigen Geld. Das andere ist das von Champagner und Penthouse, ein Instagram-Leben mit besserer Beleuchtung. Beide enthalten ein Körnchen Wahrheit und bestehen sonst aus Projektion.

Die Wirklichkeit ist weniger dramatisch und merkwürdiger. Sie besteht aus langen Wochen, in denen nichts passiert, und aus einzelnen Abenden, die so dicht sind, dass ich sie wochenlang mit mir herumtrage. Sie besteht aus Auswahl — meiner Auswahl. Man sagt öfter nein als ja, und jedes Nein ist der Preis dafür, dass ein Ja etwas bedeutet.

Niemand, der diesen Beruf ernsthaft betreibt, steht zur Verfügung.

Es gibt einen Satz, den ich öfter höre als jeden anderen, und er kommt meistens spät, wenn das Zimmer dunkel ist und die Formalitäten des Abends längst abgelegt sind: So habe ich mir das nicht vorgestellt.

Er ist nie als Klage gemeint. Er klingt jedes Mal wie ein Geständnis. Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass er weniger über mich sagt als über das, womit die Männer hergekommen sind — und dass sie fast alle mit einem Bild kommen, das niemand je überprüft hat. Auch das ist ein Grund zu schreiben. Irgendwo muss einmal stehen, wie es tatsächlich ist.

Worüber ich schreiben will

Nicht über den Beruf. Dafür gibt es Ratgeber, und die Agentur schreibt ihre eigenen.

Sondern über das, worüber sonst niemand schreibt: das Davor, das Danach, das Dazwischen. Die Fahrt um zwei Uhr nachts durch eine Stadt, die schläft. Eine Anfrage, bei der ich im zweiten Satz weiß, dass daraus nichts wird. Den Moment vor einer fremden Tür, in dem ich jedes Mal kurz innehalte, obwohl ich weiß, was mich erwartet.

Das sind die Stellen, an denen dieser Beruf wirklich stattfindet. Was danach im Zimmer passiert, ist der Teil, den sich ohnehin jeder vorstellen kann — und der einzige, der mich beim Erzählen nicht interessiert.

Meine Regeln

Ein paar Regeln habe ich mir für dieses Tagebuch gegeben, und sie sind nicht verhandelbar.

Es wird keine Namen geben — auch keinen für mich. Keine genauen Daten, nur Monate, und was ich erzähle, ist jeweils länger her, als es klingt. Keine Hotels beim Namen, keine Restaurants, keine Aussicht von irgendeinem Balkon; ein Ort verrät mehr als jeder Text.

Was hier steht, ist verdichtet. Mehrere Abende werden zu einer Beobachtung, mehrere Gedanken zu einem Eintrag. Das Erlebte ist echt. Der Rahmen ist es nicht immer, und das ist Absicht.

Eines kann ich allerdings nicht versprechen: dass niemand etwas wiedererkennt. Wer bei einer bestimmten Geschichte dabei war, weiß, dass er dabei war — daran ändert kein weggelassener Name etwas. Ich schreibe so, dass Fremde nichts zuordnen können. Mehr ist ehrlicherweise nicht möglich, und ich schreibe trotzdem.

Vielleicht schreibt hier auch gar nicht eine. Vielleicht sind wir mehrere. Ich lasse das bewusst offen, weil die Ungewissheit Teil des Schutzes ist. Die Stimme bleibt dieselbe. Mehr verspreche ich nicht.

Wie oft

Unregelmäßig. Alle paar Wochen, ohne Ankündigung, und nur dann, wenn es etwas gibt, das ich aufschreiben will.

Ein Tagebuch, das jeden Dienstag erscheint, ist kein Tagebuch. Und ich weiß selbst nicht, welcher Eintrag als nächstes kommt — das hängt davon ab, was passiert und was davon so lange in mir liegen bleibt, dass es heraus muss.

Denn so funktioniert das: Ich schreibe nicht auf, was ich erlebt habe. Ich schreibe auf, was nicht von selbst weggeht.

Alle Einträge beruhen auf tatsächlich Erlebtem. Namen, Orte und Zeitpunkte sind verändert oder weggelassen, Abende sind verdichtet — das Erlebte selbst ist echt.